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[ Band 1 Brief 76: Caroline an Humboldt Auleben, Sonnabend abend 11 Uhr, 25. September 1790 ]
ich leide und genieße, ist unaussprechlich — ist noch, glaube ich, in kein menschliches Herz gekommen, das könnte mich an sich allein schon halten. Es ist ein Gefühl des Schmerzens und der Wonne in mir, das durch sein ewiges Ringen mein Leben erhält — eins trüge dauernd kein sterbliches Wesen —— sei nicht bang, dieser Wechsel wird Deine Li erhalten, wird sie erhöhen, veredeln, Dein wert machen, Bill, ich bin’s nicht — aber ich will und ich werd es werden. Es ist eine stürmische Nacht, der ganze Tag war kalt und unfreundlich. Aber ich war doch im Freien. Es war mir so ein Bedürfnis, der herbstlichen Natur ein Lebewohl zu sagen. Meine Lebensart wird nun so verschieden, und darum ergreift’s mich doch immer, wenn ich in die Stadt zurückkehre. Ich bin dort sehr ein- geengt. Es ist unschicklich, allein spazieren zu gehen. Ich bleibe also fast immer zu Hause und genieße von dem letzten Herbst, den hellen Wintertagen und dem ersten Frühling wenig oder nichts; denn mit wem soll ich ausgehen? Madame ist unbewegbar, Papa und das Bild wollen entreteniert sein. Meine Gesundheit leidet oft durch den Mangel an Bewegung und frischer Luft. Indes, was hilft’s — es wird ja auch das bald vorbei sein. Gute Nacht, mein Bill. Erfurt, den 27., Montag morgen Wir sind gestern abend hier angekommen, aber sehr spät. . . . Das Bild *) trafen wir nicht zu Hause. Es war bei einer großen Fête, denn wenn wir nicht hier sind, ist es immer gesunder und ißt allerwegens — heut morgen sah ich’s. Gott, wie fiel mir das ent- setzliche Schwatzen und Fragen um nichts und nach nichts auf! Es ist nicht recht, und darum klag ich mich selbst an. — In Naumburg ist das Bild durchgefallen. Herr v. Mandelsloh ist Stifts- rat geworden, er hat vier und das Bild nur drei Stimmen gehabt. Unsere Verwandten sind nicht zu diesem Domkapitel gekommen, und daher hat das Bild gescheitert. Bei Papa macht’s kein gutes ——— *) Bruder Carolines. Vgl. S. 107 und 142. 229