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[ Band 6 Brief 201: Humboldt an Caroline Frankfurt, 10. Mai 1819 ]
wieder her, um hier den Winter zu bleiben und in der Gegend ein Gut womöglich zu kaufen. Sie hat nämlich keins in Schlesien, hat auch plötzlich einen Abscheu vor Schlesien, Gott weiß warum. Nun will sie einen Wohnsitz und schlechterdings — ein paar Kühe. Quelle envie! Boisdeslandes ist ganz außer sich über sie. Da ich vorgestern nicht zu Hause Mittag war, aß er an der Wirtstafel, wo sie beständig, gegen alle Schicklichkeit, auch paradiert. Sie kannten sich beide nicht. Da sie aber nach allem forscht und fragt, so hatte sie ihn, als mit mir wohnend, gleich ausgekundschaftet und über Tisch laut von tausend Dingen gesprochen. Unter an- derem hat sie plötzlich zur Verwunderung aller Menschen gesagt: »Das muß man gestehen, Herr von Bülow, der in London ist, ist sehr hübsch gewachsen!« Sie hat sich auch, so daß man es hat hören können, laut über Menschen am Tisch und ihre Physiognomie moquiert. Hernach hat sie den unglücklichen Boisdeslandes wieder auf einem Gange angekriegt. Kurz, wir haben beschlossen, daß, da ich heute auch nicht zu Hause esse, er, wenn sie noch hier ist, auf seiner Stube essen soll, um ihr zu entgehen. Ich habe mich her- metisch gestern den ganzen Nachmittag eingeschlossen und so den Sturm abgeschlagen. Wie sie von allen Leuten spricht, davon hast Du gar keinen Begriff. Sie fing auch so von dem Hiesigen (der aber jetzt nicht mehr hier ist) an und von seiner Frau. Da habe ich sie zwar erst ganz sich ergießen lassen, aber nachher sie sehr stark zurechtgewiesen. Mit uns nimmt sie sich doch noch in acht. In Berlin scheint schlechterdings gar nichts vorzugehen. We- nigstens hört man nicht das mindeste. Aber die daher schreiben, haben eine Art dumpfwehmütigen Ton. Von Bülow habe ich gestern einen Brief gehabt, der recht ruhig und gut ist, und aus dem ich auch sehe, daß er wirklich viel zu tun hat. Du siehst aber jetzt an Bülows Beispiel, daß, wenn ich nicht nach Aachen gekommen wäre, ich gewiß wenigstens noch 535