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[   Band 2 Brief 84:    Humboldt an Caroline    Marino, 11. Julius 1804   ]


er könnte später am Gelben Fieber gestorben sein, aber wohl deswegen,
weil ich mit der letzten spanischen Post keine Briefe bekommen habe.
Bei einem Tode durch Krankheit würde wenigstens niemand früher
Nachricht haben als ich, durch Schiffbruch nur könnte es anders
sein. Ich denk noch immer, ihn mit Dir in Rom ankommen zu sehen,
und ich bitte Dich nochmals, wenn es Dir irgend Freude macht,
so gib zu Deinem Aufenthalte in Paris zu. Ich übernehme die
kleine Mühe, die Deine Abwesenheit mir mehr macht, so gern, und
schiebe meine Sehnsucht, Dich wiederzusehen, auf, wenn ich nur weiß,
daß Du froh und glücklich bist. Ich führe hier in Marino ein
Leben, wie ich seit nun bald zwei Jahren nicht getan habe, ganz
als gäbe es keinen König und keine Gesandtschaft. Dies ist der
erste und einzige Brief, den ich seit acht Tagen schreibe. Ich pflege
mich erstaunlich hier. Ich esse mehr als in Rom, ich überlasse mich
mir selbst und meinen Gedanken, ich genieße das doch auch hier
unendlich schöne Land. Vorgestern abend fuhr ich zu Schiff auf
dem Albaner See bei Mondschein herum. Es war, ich weiß nicht,
ob Du es bemerkt hast, gerade ein schönes Phänomen am Himmel,
eine Bedeckung der Venus durch den Mond. O! wie oft, verzeih,
daß ich Dich von Paris wegwünsche — die Wünsche sind ja so
ohmnächtig, und zu mir kämest Du doch gern — wie oft aber
wünschte ich Dich her. So ein Himmel, so eine Luft, so ein bal-
samisches Aushauchen aller Pflanzen, dann die malerischen Ufer,
die schattig überhangenen Badeplätze, und immer dabei der schöne
und große Monte Cavo. Von fünf oder sechs Uhr abends an gehe
ich immer bald allein, bald mit dem Kanonikus, bald zu Fuß, bald
demütig zu Esel spazieren, und sehe erst jetzt, welch ein töricht
Leben der Prinz in Albano führte. Ich kenne hier schon alles
genau, und habe mitten im Walde, ohne Weg und Steg, himm-
lische Plätze gefunden. Es ist immer freilich der eine See, aber wie
reich und mannigfaltig auch! Marino liegt im Grunde nicht schön.

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