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[ Band 2 Brief 67: Caroline an Humboldt [Erfurt], 29. April 1804 ]
zu reisen. Caroline sagte, daß er nicht übel Lust habe, sich dort niederzulassen, wenn man ihm annehmliche Bedingungen machte; allein sie sieht es als einen argen Geniestreich an, daß er ohne alle Vorbereitung dahin gereist ist. In Weimar ist’s ein Geheimnis, man meint, er sei bloß nach Leipzig. Die beiden Knaben hat er mitgenommen, und ich sah nur das kleine Mädchen. Ich kam um 11 Uhr vormittags bei Carolinen an. Fernow *) war von meiner Ankunft präveniert und fand sich sehr bald ein. Er freute sich un- beschreiblich, mich wiederzusehen, aber wie sieht er aus!! Wie ein aus dem Grabe Erstandener. Wenn Fernow sich nicht noch in diesem Frühjahr erholt, so stirbt er auch, wahre Totenzüge um Mund und Nase und eine furchtbare Magerkeit. Die Unterredung mit mir, die Nachrichten, die ich ihm von Rom und seinen Freunden geben konnte, erheiterten ihn sehr; Caroline behielt ihn zum Mittagessen. Von einem anderen Hofmeister, als der Dir nach Rom schrieb, konnte er mir keine Nachricht geben. Er versicherte, daß nichts schwerer, als ein taugliches Subjekt der Art zu finden sei. Du kannst gewiß glauben, daß ich in dieser Angelegenheit nichts versäumen werde, aber sie macht mir viel Kopfbrechen. Nach dem Essen ging ich mit Carolinen zur Staël, **) die seit sechs Tagen von Berlin zurück- gekommen war. Neckers Tod wirst Du längst erfahren haben. Die arme Staël empfing die Nachricht seiner Krankheit durch eine Stafette in Berlin und reiste sogleich von da ab. In Weimar erfuhr sie den Tod ihres Vaters. Sie soll ganz außer sich gewesen sein. Mir tat ihr Anblick wohl und wehe. Der Anblick eines wahren, tiefen Schmerzes hat immer etwas sehr Ergreifendes, und wenn man ihn selbst in der Seele trägt, so möcht ich beinahe sagen etwas Be- ——— *) Carl Ludwig Fernow, Schriftsteller, war von 1794 bis 1802 in Rom. Seit 1804 Bibliothekar der verwitweten Herzogin in Weimar. — **) Frau v. Staël, Tochter des französischen Ministers Necker, lebte, seit Napoleon I. sie aus Paris verbannt hatte, viel auf ihrem Schloß Coppet am Genfersee. 152