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[ Band 6 Brief 144: Humboldt an Caroline Aachen, 4. November 1818 ]
dem Winde nach auf die Seite, und so trieb er uns ohne einige Veränderung in etwas über drei Stunden nach Calais. Das Schwanken des kleinen Paketboots war sehr stark, und man saß manchmal scheinbar so tief in den Wellen, daß man von den vor- übersegelnden andern Schiffen nur die Masken sah, aber Lusi *) und ich sind keinen Augenblick krank geworden. Ich habe mich sehr gut amüsiert und die ganze Zeit am Steuerruder gesessen, in Gedanken vertieft, und mich an dem Spiel der Wellen und dem Gange des Schiffes, das die kleinen Wasserberge hinauf und hinunter glitt, er- freut. Es ist das Hübscheste, was es geben kann, auf der See zu sein, und ich habe Dich tausendmal an meine Seite gewünscht. Auch das Anlanden trafen wir sehr hübsch. Wir kamen mit der Flut an und brauchten uns also nicht, wie sonst der Fall ist, in kleinen Böten näher heranfahren oder durch Menschen tragen zu lassen. Noch denselben Abend gingen wir bis St. Omer, den 1. nach Ath, wo wir die dritte Nacht zubrachten, und dann fuhren wir, ohne weiter anzuhalten, hierher, wo wir gestern morgen an- kamen. Ich hätte auch diese Nacht ruhig geschlafen, aber die Kai- serin-Mutter **) sollte den andern Tag die nämliche Straße kommen, und da hätten wir unfehlbar der Pferde wegen liegen bleiben müssen. Von den beiden Tagen hier ist es schwer, Dir einen Begriff zu machen. Beim Kanzler die gewöhnliche Freundlichkeit und Liebe, die ich erwidert habe. Ich habe beide Mittage bei ihm ge- gessen und gesucht, die alte Heiterkeit herzustellen. Über Geschäfte haben wir noch nicht gesprochen. Vermutlich ist es morgen der Fall, wo er mich gebeten hat, um 10 Uhr bei ihm zu sein. Ich werde in der Sache nichts schonen und nichts nachgeben, aber sanft, freundschaftlich und bedauernd reden. Bernstorff ist ganz wie sonst und immer ohne Verlegenheit ——— *) Vgl. S. 21. **) Marie Feodorowna, Prinzessin von Württemberg, geb. 1759, † 1828. 364