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[ Band 1 Brief 154: Humboldt an Caroline Donnerstag abend, 19. Mai 1791 ]
154. Humboldt an Caroline Donnerstag abend, 19. Mai 1791 Ich bin in Tegel, meine Li. Ich lag noch lang im Fenster. Wolken waren finster, kein freundliches Gestirn blickte hervor. Der Mond war ewig von wechselnden Wolken- gestalten bedeckt, und nur manchmal schimmerte sein blasses Licht durch den Schleier. So ist es ja auch in uns, auch in uns ja diese trübe Farbe der Trauer in der wehen Trennung und dies Wogen von Empfindung zu Empfindung. Ich sah heute zum erstenmal diese Gegenden in diesem Jahre wieder. Mit sonder- baren, nie ausgesprochenen Gefühlen erblickt ich die Höhen, die Täler, die mir so manche schöne Freude gewährten von den ersten Jahren meiner Kindheit an. Wie mein Blick in der ersten weit- strebenden Jugend an dem See hing und sich hinausdachte, und weiter und immer weiter über die Fluren und Wälder, und wie sich das in mir abbildete, und ich so voll Mut und Lust war, weit zu wirken, große Taten zu vollbringen. Ich las damals viel griechische Geschichte. Die Bilder der Vorzeit standen groß vor mir da, und ich sehnte mich, jenen Männern nachzuringen. Ich mied meine Gespielen und jede Gesellschaft, ich fühlte mir den Busen so weit von meinen Entschlüssen, Entwürfen, und das Leben der andern mißfiel mir. Ich sah sie immer nur von Vergnügungen zu Vergnügungen eilen, und ich besiegte mit stoischer Strenge jede Neigung und floh jede Bequemlichkeit. Unbegreiflich ist mir noch der Gang, den ich nehmen mußte, um so anders zu werden, als ich jetzt bin. Alle Ideen von Schönheit waren mir so fremd, ich fühlte nur eine unverletzliche Pflicht und in ihrer Erfüllung den süßen Lohn. Umgang mit Weibern hat mir doch zuerst eine größere Fülle und einen zarteren Sinn gegeben. Er hat jenes Streben nach dem Großen und Höchsten nicht erschöpft, vielmehr ewig in mir genährt, aber er hat ihm eine wahrere Richtung gegeben, hat 460