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[   Band 1 Brief 82:    Caroline an Humboldt     [Erfurt], Montag abend, 11. Oktober 1790   ]


heit findet mein Wesen in dem Gedanken, daß meine Liebe Dir
die Möglichkeit des Daseins gibt, und in dem Gedanken allein —!
Ich muß Dich lassen — Verzeih — morgen bekomme ich einen
Brief von Dir, mein Bill — ach, es ist Zeit —

                                       Dienstag [abend] 10 1/2, Uhr
Am stillen Abend komm ich zu Dir — ja, es war Zeit, daß
ich wieder einen Brief von Dir empfing. Ich hatt eine bange,
ach, und eine wohltätige Nacht — laß mich schweigen. In dem
Schoße der Zukunft müssen noch Tage ruhen, wo das Herz
im Genuß seiner selbst sich gehoben und selig fühlt, denn diese
Arbeit ist nicht zwecklos. Denke das auch, mein Bill. Ach, Du
bist so viel stärker als ich, weil Du so viel mehr bist. Du wirst
Dich freuen, daß Li Dir still nachringt — freuen der süßen Blüten,
die diese Zeit der Trennung, des unendlichen Wehs in mir erzeugt,
für die Zukunft erzieht; und so ein Moment, ein gefälliges Lächeln,
ein zufriedener Blick von Dir —— o, der ist mehr wie Belohnung!
Wie eine Mutter das am mühsamsten geborene Kind inniger noch
an ihr Herz schließt, so heg ich, so trag ich Euch in der zerrissenen
Seele, o ihr namenlosen Gefühle, Kinder der Tränen und des
lebenerschütternden Schmerzes, so schöpf ich nur aus Euch das Be-
wußtsein des Daseins. —
Ich war schon einmal ruhiger, aber jetzt bin ich glücklicher,
denn ich genieße wieder das Höchste, und das rastlose Streben
meines Geistes, in jedem Verhältnis das zu erringen, ist mir ein-
geboren, wird nur mit mir enden. Ja das Höchste. Durft ich es
wagen, nach der Seligkeit zu ringen, die das menschliche Dasein
zum göttlichen erhebt, o so darf mir nicht bangen vor dem, was
das ewige Schicksal in die entgegengesetzte Wagschale legte — mir
bangt auch nicht, selbst dann nicht, wenn ich mein Leben nur noch
an wenigen dünnen Fäden gebunden fühle — in Deinen Armen
empfand ich das auch — in Deinen Armen, Du Einziger! — O,

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