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[   Band 7 Brief 123:    Caroline an Humboldt     Berlin, 1. April 1826   ]


line und ich, wir wähnen uns oft schon nach Marienbad oder
Muskau (unbekannte Größe) versetzt.
Mit meiner Gesundheit geht es zwar langsam, aber doch
besser, und unter den Nächten habe ich nur eine beinahe schlaf-
lose gehabt. Die Spannung der Nerven scheint doch nachzulassen.
Rust hat mich zum 5. mit Caroline und Hermann einladen lassen.
Er sieht aber ein, daß ich eine so zahlreiche Gesellschaft noch nicht
aushalten kann, und ist nicht böse, daß ich es abgelehnt habe.
Der Landrat von Kerssenbrock erschien zum Besuch. Er er-
kundigte sich viel nach Dir und der Veranlassung Deiner Reise,
bedauerte Dich zwar, hat aber die Meinung von Dir, daß Dein
Verstand Dich durch alles siegreich hindurchführen würde, und
sollte es auch die Annahme und Administration eines Gutes sein.
Ich sagte ganz bescheiden, Du verständest es nicht und habest selbst
von Dir die Überzeugung, daß es einmal nicht Dein Fach sei.
Er lachte und meinte, der Verstand sei in allen Dingen die Haupt-
sache, und Du werdest Dir schon heraushelfen.
Von Köthen hat er die hübschesten Sachen erzählt, zum
Beispiel, daß der Herzog *) in seinen Landen die Güterbesitzer zu
einer Cour hat einladen lassen, wo er ihre Glückwünsche zu seinem
Übertritt hat annehmen wollen. Es ist aber niemand gekommen.
Alle waren verreist.
Bei Mathilden bist Du nunmehr wohl und erfreust Dich
ihrer lieblichen Anmut und der des kleinen Wilhelm. Ich beneide
Dich darum. . . .

———
*) Herzog Friedr. Ferdin. von Anhalt-Köthen, geb. 1769, † 1830, ver-
mählt mit Gräfin Julie Brandenburg, Tochter Friedrich Wilhelms II., war
1825 in Paris zur katholischen Konfession übergetreten.

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