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[   Band 3 Brief 73:    Humboldt an Caroline    Königsberg, 16. und 17. Mai 1809   ]


eine Art Beschäftigung für seine Phantasie. Auch ist Dein Familien-
name sehr edel.
Teures Herz, wie mag es Dir heute gehn? Die Ungewißheit
ist tötend. Und doch ist es meine einzige und ewige Beschäftigung,
nur daran zu denken, ich lebe eigentlich und recht buchstäblich bloß
in Rom und bei Euch. Es ist sehr wunderbar, daß mir der Um-
gang, selbst mit den Besseren und Interessanteren, deren es hier
wirklich einige gibt, sehr wenig gewährt. Ich glaube, daß der Auf-
enthalt in Rom, dem, der ihn zu genießen versteht, sehr diesen Ge-
nuß gleichsam abstumpft. Die Einsamkeit in den ungeheuer großen
Gegenständen und Erinnerungen, wie den schön und sanft bewegenden
Gestalten von Erde und Himmel nimmt in ganz entgegengesetzter
Umgebung dem einzelnen, doch immer beschränkten Dasein seinen
Reiz. Es ist überhaupt etwas sehr Eigenes, wenn man sich einmal
gewöhnt hat, und auch von Natur dazu hinneigt, die Welt mehr
wie ein Schauspiel als einen Ernst in den man eingreifen soll,
anzusehen, wenn man nicht, durch einen einzelnen und daher
immer einseitigen Eifer getrieben, annimmt und verwirft, mit sich
vereinigt und zurückstößt, sondern neben der glatten immer auch die
schroffe, neben der ersprießlichen die verderbliche, neben der schönen
und reingestalteten auch die mangelhafte Seite sieht, wenn dadurch
der Mut, wenigstens die Freudigkeit gebrochen wird, mit der andere
frisch und derb ins Leben eingreifen, und man nun doch im Innern
des Gemüts eine idealische Form mit Sehnsucht umfaßt, der wohl
das All, aber nie ganz das einzelne, bald weil es seine Natur so
hoch nicht trägt, bald weil das Geschick es bindet und hemmt, ent-
spricht, die am wenigsten Raum findet in der eigenen Seele, die sie
bald schmerzlich ausdehnt, bald eng beklemmt.
Der Mensch ist wirklich zu etwas doppeltem geboren. Die
einen, das Leben und sich selbst zu nehmen, als wäre nur das
etwas Wirkliches, das worauf es ankommt, der eigentliche Zweck,

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